Die Kontrolleure kommen
Fast kein Unkraut, nur lockere Erde: Sieht doch gut aus. Kontrolle kann kommen.
In ein paar Tagen kommt die Gastapo. Mitglieder des Vereinsvorstandes werden mit Klemmbrett und strengem Blick den Gärten entlang schreiten und prüfen, ob alles, was sie sehen, dem Reglement entspricht.
Mich versetzt die Aussicht auf die Gartenkontrolle jedes Mal in wochenlange Aufregung, seit ich einmal eine Abmahnung wegen «Verunkrautung» kassiert habe. Deshalb setze ich nun zweimal jährlich alles daran, den Garten so in Ordnung zu bringen, dass ich die Kontrolle bestehe – und zwar pünktlich zur Prüfung, keinen Tag früher.
Beim letzten Mal vertat ich mich dummerweise im Datum, was dazu führte, dass ich eines Freitag Nachmittags entspannt aufs Gartenareal schlenderte, nochmals zur Sicherheit einen Blick aufs Anschlagbrett warf – um dort zu lesen: Gartenkontrolle ist morgen. Morgen! Nicht in zwei Wochen, sondern in weniger als 24 Stunden! Ich erschrak so sehr, dass ich zehn Minuten lang hektisch im Garten herumrannte, um herauszufinden, wo ich anfangen sollte. Die Antwort: Überall. Dann kochte ich mir einen Kaffee, atmete durch und besann mich auf die wichtigsten Regeln der Instant-Gartenordnung:
Die Ränder
Die Ränder sind matchentscheidend, dort schaut man besonders genau hin. Also huschte ich auf den Knien einmal rund um die Parzelle und riss alles Unkraut am Rand raus. Sah schon besser aus.
2. Der Rasen
Wirkt im gemähten Zustand tausend Mal gepflegter als mit Schwänzen und Zipfeln. Ist wie mit den Haaren. Nach 20 Minuten waren beide Rasenflächen gekürzt. Machte schon ziemlich etwas her.
3. Die Kanten
Die Rasenkante unterscheidet ja gemeinhin zwischen guten und schlechten Gärtnern.
Ich bin an zwei Tagen im Jahr eine gute Gärtnerin und sorge für messerscharfe Kanten. Na ja, brotmesserscharfe.
Damit sah mein kleiner Schandfleck nach gut zwei Stunden fast herzeigbar aus. Aber da war immer noch Unkraut. Viel Unkraut. Viel zu viel.
4. Jäten!
Also jäten. Jäten. Jäten. Zwischen den Platten, unter den Rosen, rund um die Zucchetti, entlang der Radieslireihen. In den Töpfen, im Tomatenhaus.
Unkraut zwischen den Platten ist besonders pfui. Ohne aber hui.
Dann taten mir die Hände und die Knie weh und ich fokussierte auf Punkt 5:
5. Aufräumen und putzen
Die kleine Ansammlung von Töpfen hinter dem Cheminée, mit halbtoten Pflanzen und angetrockneter Erde drin: sehr unattraktiv. Ich leerte alles auf den Kompost und stapelte die Töpfe im Schopf.
Macht sich einfach besser: Rose, eingepflanzt statt im Kübel. Auch schwache, halbwüchsige Zöglinge in unappetitlichen Plastikbehältern kippte ich unzimperlich auf den Haufen, die Behälter in den Müll.
Die Schuhe, die sich unter der Bank angesammelt hatten, warf ich kurzerhand ins Häuschen, die getragenen Handschuhe hinterher. Ich wischte die Wege, den Sitzplatz und die Tische – über die ich auch gleich saubere Tücher warf. Dann war ich erschöpft, aber nicht genug, um nicht zu sehen, dass es noch etwa 50 Quadratmeter Unkraut gab. Ich raffte mich auf und bearbeitete etwa die Hälfte davon mit der Pendelhacke. Klar, dass die Unkräutchen dabei nur geköpft, aber keineswegs beseitigt waren. Immerhin, die frisch aufgeraute Erde sah toll aus. Als die Dämmerung sich über den Garten legte und ich panikerfüllt noch über 20 Quadratmeter Unkraut mehr spürte als sah, schleppte ich kübelweise Erde vom reifen Komposthaufen heran und schüttete sie über die restlichen Unkrautfelder. Dann ging ich nach Hause.
Am Samstag war ich um 13 Uhr im Garten, eine Stunde noch bis zur Kontrolle. Ich pützelte da noch ein wenig, schnitt dort etwas zurück, pendelhackte ein paar Zwischenräume, drapierte die letzten Kilos Komposterde sorgfältig über dem Unkraut.
Fast 14 Uhr!
Ich entdeckte einen unattraktiven Asthaufen und konnte grad noch geistesgegenwärtig eine Schere dazu hinwerfen. Aussage der Szene: Ich bin grad am Schneiden.
Die Gastapo kam nicht. Ich wartete bis 17 Uhr, dann musste ich gehen, weil ich zum Nachtessen verabredet war und vorher noch Erdkrusten von Händen, Füssen und aus Halsfalten schrubben musste. Mit der vagen Hoffnung, dass schon alles gut sei, verliess ich den Garten. Am Sonntag erzählte mir Gartennachbarin Sara, dass die Kontrolleure am Samstag schon um neun gekommen waren. Drei Tage später hatte ich einen Brief vom Vereinsvorstand im Kasten: Ich möge bitte das Gebüsch zurückschneiden. Check.
Gartenregel Nummer 5: Du kannst rackern, so sehr Du willst, die Kontrolleure sind immer vor Dir da.