Wer hat aus meinem Häuschen gegessen?

Da hatte ich noch welche im Garten: Gesunde, süsse Tomaten. Einige wurden fremdgepflückt, den Rest musste ich wegen Braunfäule entsorgen.
Da hatte ich noch welche im Garten: Gesunde, süsse Tomaten. Einige wurden fremdgepflückt, den Rest musste ich wegen Braunfäule entsorgen.

 «Geh und hol Dir doch bitte ein paar Zucchetti, ich hab soooo viele!» So lautet einer meiner Standardsätze im Sommer. Damit wende ich mich jeweils an alle, die mir in der fruchtbaren Jahreszeit über den Weg laufen und nicht rasch genug wegschauen: An die neuen Schreber-Nachbarn rechterhand, an die Nachbarin im Stock unter mir, eine Freundin im Haus und mehrere aus dem Dorf, meinen Ex, seine Mutter. Varianten dieser Aufforderung sind «Die Tomaten sind reif, bitte nimm Dir doch ein paar!» und «Ich kann gar nicht alle Gurken alleine essen, warum pflückst du dir nicht zwei oder drei?». Die Botschaft ist immer die gleiche: Hilfe, ich gehe in einer Gemüseschwemme unter!

Zucchetti gibts bei mir jeden Sommer in Hülle und Fülle. Abnehmer sind immer erwünscht.
Zucchetti gibts bei mir jeden Sommer in Hülle und Fülle. Abnehmer sind immer erwünscht.

Mit fortschreitendem Sommer werden meine Vermarktungsmethoden immer aggressiver. Ich werfe dann mit Prädikaten wie «bio!», «zuckersüss!» und «sonnengereift!» um mich, bewerbe meine Produkte auf WhatsApp und Instagram, und da selten jemand meiner Aufforderung nachkommt, gipfeln meine Bemühungen spätestens im September in einem etwas aufdringlichen Hauslieferdienst: Nicht nur, dass ich den Leuten Kistchen und Säckli mit Kartoffeln, Mangold und Salbei vor die Haustüre stelle, ich bringe die Ware nicht selten auch einfach zu Verabredungen oder ins Büro mit. Irgendwie gefällt mir das.

Gern stelle ich für Freunde und Bekannte kleine Fresspäckchen aus dem Garten zusammen. Ob sie wollen oder nicht.
Gern stelle ich für Freunde und Bekannte kleine Fresspäckchen aus dem Garten zusammen. Ob sie wollen oder nicht.

Maria schreibt…

Was ich aber gar nicht mag: Wenn sich jemand unaufgefordert in meinem Garten bedient. So geschehen eines schönen Sommertages. August wars, warm und sonnig. Wie ich an einem dieser wunderschönen Morgen in den Garten komme und mein Tomatenhaus betrete, merke ich sofort: Da fehlt etwas. Gestern standen noch mindestens zehn der Cherrytomaten kurz vor der Essreife, nun sind sie weg. Und die riesige, runde, glänzende dunkelviolette Aubergine: gestohlen.

Gurke, essreif: eine von gefühlt Hunderten letztes Jahr.
Gurke, essreif: eine von gefühlt Hunderten letztes Jahr.

Nun, könnte ja sein, dass das jemand aus der Familie war, denke ich, und frage im Chat: «War jemand von euch im Garten und hat Tomaten gepflückt?» Postwendend kommt die Antwort: «Nein, wieso?» Maria*, meine Ex-Schwiegermutter schreibt auch, wie ich in der Oberzeile sehe. «Fehlt etwas?», fragt mein Ex. «Allerdings», schreibe ich, «reife Tomaten und eine riesige Aubergine.» Maria schreibt immer noch. «Jemand muss das gestohlen haben» tippe ich. «Frechheit!» kommt es zurück. Maria schreibt…. Ich suche den restlichen Garten ab und tippe ins Handy: «Ein paar Gurken scheinen auch weg zu sein.» Jemand antwortet: «Sofort eine Kamera installieren!» Maria schreibt immer noch… Ich zähle inzwischen die Peperoni und chatte: «Peperoni fehlen glaub auch ein paar.» Maria indes schreibt… Und mein Sohn tippt: «Das ist ja das Hinterletzte, wer tut denn sowas?!» Gemeinsam empören wir uns ein paar Minuten lang im Chat, dann giesse ich die mediterranen Gemüsepflanzen und gehe aufgebracht wieder nach Hause. Könnte es sein, dass Daniela* sich etwas geholt hat? Sie gibt mir eigentlich immer Bescheid. Ich zücke das Handy: Keine Nachricht von Daniela. Maria hingegen schreibt immer noch… Ich marschiere durchs Dorf und grüble: War Maya* dort? Ich schreib ihr kurz. Und sehe: Maria schreibt….

Eine Rose für meine Ex-Schwiegermutter, die ich ungewollt des Diebstahls bezichtigt habe.
Eine Rose für meine Ex-Schwiegermutter, die ich ungewollt des Diebstahls bezichtigt habe. 

Zu Hause angekommen, starte ich einen letzten Aufklärungsversuch und beginne eine Nachricht an Ruth: «Hast Du zufällig…» Da seh ich: Maria hat geschrieben. «Liebe Yvette. Ja, ich war da und habe mir ein paar Tomaten genommen, wie Dus mir angeboten hast. Entschuldige vielmals! Die Aubergine hab ich auch gepflückt, zwei Gurken und eine Peperoni, aber nur eine. Das ist mir jetzt furchtbar unangenehm. Ich dachte, du hättest das so gemeint.»

Liebe Maria, ja, genau so hatte ich es gemeint. Es ist MIR furchtbar peinlich. Bitte, komm wieder und nimm Dir ein paar gelbe Zucchetti und ein paar Auberginchen. Tomaten hats leider dieses Jahr keine. Aber schneide Dir ein wenig Salbei, bitte! Und eine Rose, als Entschuldigung für meine böse Unterstellung.

Gartenregel Nummer 6: Selbstbedienung heisst Selbstbedienung, sowie eine Rose eine Rose ist. Und gegen Gedächtnisschwund wächst bestimmt ein Kraut in Deinem Garten. 

*Alle Namen sind geändert. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind kein Zufall.

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Die Kontrolleure kommen