Schuld sind immer die Gartennachbarn

Wie konnte das nur passieren? Mein Schrebergarten war mal ein Vorzeigeobjekt. Jetzt sticht er mit schrägen Beeten und einem lädierten Tomatenhaus ins Auge. Schuld sind die neuen Nachbarn. 

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Manchmal stehe ich mitten auf meinem schiefen, löchrigen Grün und frage mich, wie es so weit kommen konnte. Mein Schrebergarten war mal ein Vorzeigegarten. Eine perfekt proportionierte Doppelparzelle von ungefähr 16 mal 20 Metern. In der Mitte ein Chalet-artiges, dunkles Knusperhäuschen – «garantiert mäusesicher» wie mir mein Vorgänger Ferdinand* immer versicherte, Gott hab ihn selig. Dann das wunderbare Tomatenhaus aus alten Fensterscheiben, ein Cheminée – in seiner Klobigkeit schon fast kult –, zwei wilde bunte Rosenbeete, eine etwas struppige Schattenecke mit prächtigen Pfingstrosen, ein riesiger Flieder, der im Frühling seinen Duft bis über das plätschernde Bächlein hinweg verströmt.

In diesen Garten habe ich mich damals verliebt, als er noch Ferdinand gehörte. Und ich war überglücklich, als ich die Parzelle vor vier Jahren übernehmen durfte. Mit Sack und Pack zog ich ein, schleppte mein Hab und Gut vom alten Gärtli gleich nebenan herüber, fusionierte meinen hellen, geflochtenen Shabbyschick mit Ferdinands praktischer Plastik-und-Holz-Einrichtung und spannte dann meinen grossen weissen Sonnenschirm über dem leinenen Tischtuch auf, um das eroberte neue Terrain zu markieren. Was war ich stolz.

Auf der Nachbarparzelle linkerhand stand damals noch eine windschiefe kleine Hütte inmitten verwahrlosten Gestrüpps. Der damalige Pächter Peter erklärte mir einmal, er könne seinen Sohn nicht mehr mit in den Garten nehmen, es sei zu gefährlich, denn manchmal würden Ziegel vom Dach fallen. Rechterhand werkelten damals Margrit und Bernhard, den ich heimlich immer Bärnhard nenne, weil ich mir das besser merken konnte: Margerite die Blume, und Bärnhard, der Bär, zwei Naturkinder. Die beiden Senioren spazierten vorzugweise an den Vormittagen durch ihr Dickicht, das üppig und gesund wirkte, aber auch etwas unstrukturiert. Margrit, eine kleine runde Dame mit strengem Blick und einem Hang zum Besserwissen, sparte nie mit ungebetenen Tipps. Bärnhard war meist freundlich, zumindest wenn seine Gattin nicht in der Nähe war. Im letzten Sommer ihres Pächterdaseins krönte Bärnhard unsere Beziehung allerdings mit der Aussage «Dieses Jahr hast Du Dir mehr Mühe gegeben als auch schon, gell.» Auf meine irritierte Nachfrage hin deklarierte er den Satz als Kompliment. Ich vermisse diese Nachbarn nicht.

Das neu gebaute Gartenhaus und der schnieke Rasen meiner neuen Nachbarn lassen meinen Garten alt aussehen.
Das neu gebaute Gartenhaus und der schnieke Rasen meiner neuen Nachbarn lassen meinen Garten alt aussehen.

Aber mir fehlt der damalige Status des Prachtgartens, des leuchtenden, gut organisierten aber nicht übermässig gepützelten Anwesens zwischen dem heruntergekommenen Flecken Erde und dem zufallsgelenkten Gewucher. Doch heute steht linkerhand ein kanadisch anmutendes propperes Blockhaus zwischen schnurgeraden Beeten und einem sauber getrimmten Rasen. Die leicht chaotische Ansammlung von Gemüsen und Blumen rechterhand ist einem profimässig angelegten Rechteck gewichen. Topfebener Rasen, gleichförmige Halbhochbeete, nigelnagelneue Gehwege und eine überdachte Sitzecke. Dazwischen wirkt meine Parzelle ein wenig… vernachlässigt: Meine Wiese ist voller Flecken und Löcher, hölzerne Beetumrandungen haben sich selber biologisch halbwegs abgebaut, die Hälfte der Gehwegplatten ist mit Moos überwachsen, das Tomatenhaus verströmt einen morbiden Charme.

Dem alten Tomatenhaus (links) sieht man plötzlich seine Jahre an. Das neuere macht da noch die bessere Falle.
Dem alten Tomatenhaus (links) sieht man plötzlich seine Jahre an. Das neuere macht da noch die bessere Falle.

Nein, wie ein Vorzeigegarten sieht meine Oase nicht mehr aus. Dennoch liebe ich sie. Und, was noch besser ist: Ich liebe meine neuen Nachbarn. Auch wenn sie Schuld sind an meinem neuen Dasein als Schandfleck.

Schrebergarten-Regel Nummer eins: Schuld sind immer die Nachbarn.

 *Alle Namen sind geändert. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind kein Zufall.

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